Schweigen ist nicht immer Gold

epd-bild/Neue Visionen Kann man noch Sozialistin sein, wenn man die stalinistischen Schauprozesse erlebt und in einem sibirischen Arbeitslager gelitten hat? Bernd Böhlichs Film "Und der Zukunft zugewandt" erzählt vom Widerspruch, auf dem die DDR errichtet wurde.

05.09.2019

Der eigene Glaube wird manchmal einer starken Prüfung unterzogen. Wie kann man seinen Vorstellungen als deutscher Kommunist treu bleiben, wenn man vor dem Faschismus in die Sowjetunion geflohen ist - und dann die Schauprozesse der 30er Jahre erlebt, mit willkürlichen Anschuldigungen, die allem Hohn sprechen, was man bisher für richtig hielt?

Das ist die Hintergrundgeschichte von drei Frauen, die sich im Spielfilm "Und der Zukunft zugewandt" 1952 in der DDR wiederfinden. Sie kommen direkt aus einem Straflager in Sibirien, wo eine, Antonia, mitansehen musste, wie ihr Ehemann vor ihren Augen erschossen wurde - nur weil er seiner Tochter, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte, ein Geburtsgeschenk bringen wollte und dafür den Zaun überwand, der das Lager der Männer von dem der Frauen trennte. Darüber darf natürlich - unter Androhung schwerster Strafe - nicht gesprochen werden, schließlich ist die Sowjetunion das Vaterland aller Werktätigen und Joseph Stalin wird als deren Führer verehrt.

Der Preis ist das Schweigen

Es ist ein Tabuthema der DDR-Gesellschaft, dessen sich Bernd Böhlich ("Du bist nicht allein", "Krauses Fest"), einst selbst Bürger dieses Staates, in seinem neuen Film angenommen hat. 70 Jahre später ist es ein Thema, das immer noch gern verdrängt wird und das zudem die generelle Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit aufwirft. Auf der einen Seite erleben wir im Film hochrangige DDR-Funktionäre, die sich darum bemühen, die Frauen nicht nur in die Gesellschaft einzugliedern, sondern auch ein Stück Wiedergutmachung zu leisten für das Unrecht, das ihnen angetan wurde. So bekommt Antonia Bergers Tochter, die aus Sibirien eine Lungenkrankheit mitgebracht hat, die beste medizinische Behandlung; sie selbst wird zur Leiterin des Haus des Volkes ernannt.

Der Preis dafür ist ihr Schweigen, mit Hinweis auf die Reaktion im Westen, wo sich wieder Nazis breitmachen, aber auch aus Angst vor der eigenen Bevölkerung, die noch nicht so weit sei, historische Prozesse zu verstehen, wie es der örtliche Parteisekretär erklärt.

Zwiespalt und Zweifel

Immer wieder muss sich Antonia Berger, gespielt von Alexandra Maria Lara ("Der Untergang"), fragen, ob ihre Entscheidung die richtige war - bis hin zu jenem Tag 1989, an dem die Mauer fällt. Sie ist nicht die einzige, die an den Aufbau des Sozialismus glaubt, auch der junge Arzt Konrad, den sie kennen- und lieben lernt, hat sich für den beschwerlichen Weg entschieden und dafür die väterliche Arztpraxis in Hamburg ausgeschlagen.

Es wäre leicht gewesen, diese Figuren von oben herab zu betrachten, sie als Verblendete zu zeichnen, mithin Geschichte aus der Siegerperspektive zu schreiben. Es ist das Verdienst dieses Films, dass er den Zwiespalt zwischen dem Eintreten für eine gerechtere Gesellschaft und den Zweifeln an der konkreten Politik mitdenkt und auslotet. Eher konventionell inszeniert, ist er am überzeugendsten dort, wo er seine Geschichte durch Verknappung auf den Punkt bringt: in der Abwertung eines von Antonia konzipierten Theaterstücks, das die Kinder zu Ehren eines hohen Besuches aufführen sollen, durch einen angereisten Parteifunktionär, im Verhör Antonias, in der Meldung vom Tod Stalins.