KZ-Überlebender Ladany: «Die Erinnerungen sind tief eingegraben»

Rafael Herlich Shaul Ladany war acht, als er ins KZ Bergen-Belsen verschleppt wurde. Bei den Olympischen Spielen in München im September 1972 entkam er dem Terroranschlag auf die israelischen Sportler. Eine Ausstellung zeigt jetzt seine Erinnerungsstücke.

05.09.2019

Shaul Ladany hat noch einmal das blaue Jacket angezogen, das noch wie angegossen sitzt. Der israelische Wissenschaftler und Sportler trug es 1972 bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in München. Ein Foto davon ist in der Ausstellung "Lebensläufe" zu sehen, die die niedersächsische KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen am Donnerstag eröffnet hat. Beides, Ort und Datum, sind bedeutend für das Leben Ladanys.

Am 5. September, vor genau 47 Jahren, blieb er verschont, als palästinensische Terroristen Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln nahmen. Und im Jahr 1944 entkam er dem Konzentrationslager, in dem insgesamt mehr als 52.000 KZ-Häftlinge ums Leben kamen. "Ich stehe hier für alle, die in Bergen-Belsen waren", sagt der 83-Jährige vor der Eröffnung der Ausstellung, die auf seinen Erinnerungsstücken beruht. An seine und ihre Geschichte zu erinnern, sei auch eine "historische Genugtuung".

Erstmals zu sehende Wanderausstellung

Seit seinem 13. Lebensjahr sammelt Ladany originale Dokumente aus dem Konzentrationslager. Auch zum Attentat von München hat er zusammengetragen, was er bekommen konnte. In Omer im Süden von Israel bewahrt er eine Privatsammlung, die nach Angaben der Gedenkstätte Bergen-Belsen die in Qualität und Umfang einzige ihrer Art ist, die ein Überlebender des KZ angelegt hat. "Sein Haus ist ein riesiges Museum", sagt der Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner. "Ein Holocaust-Museum in der Wüste."

Für die erstmals zu sehende Wanderausstellung hat eine Mitarbeiterin der Gedenkstätte Tausende von Ladanys Fotos, Dokumenten, Postkarten und Zeichnungen gesichtet. Ausgewähltes wird als Reproduktion gezeigt. In sechs Kapiteln informieren Tafeln anhand der Biografie von Shaul Ladany und weiterer Überlebender unter anderem über die Situation in Ungarn und Serbien im Zweiten Weltkrieg und die sogenannte Kasztner-Gruppe. Geschildert werden auch die Auswanderung der Juden nach Israel und die Olympischen Spiele in München.

Dutzende Angehörige überlebten NS-Terror nicht

Ladany war erst acht Jahre alt, als er 1944 mit seiner Familie aus Ungarn in das KZ deportiert wurde. Mit seinen Eltern und seinen Schwestern gehörte er zu den wenigen jüdischen Insassen, die aufgrund von Verhandlungen des Journalisten Rudolf Kasztner und jüdischer Organisationen mit der SS gegen Geldzahlungen schließlich im Dezember 1944 in die Schweiz ausreisen durften. Mehr als 50 seiner Angehörigen überlebten den NS-Terror nicht.

Ein Foto in der Ausstellung zeigt Ladany als Jungen in St. Gallen in der Schweiz, wo sich die frisch eingetroffenen Flüchtlinge mit Fingerabdrücken registrieren lassen mussten. Vor der Brust des Kindes mit Mütze auf dem Kopf prangt eine Nummer. "Ich sehe ein wenig ängstlich aus", sagt Shaul Ladany. "Aber nicht so voller Angst wie in Bergen-Belsen." Die Erinnerungen an das Lager hätten sich trotz seines jungen Alters damals tief in ihm eingegraben. "Ich erinnere die Baracken, die Zäune, die Wachtürme, die sehr langen Zählappelle draußen, wo wir für Stunden standen", berichtet er. "Und ich erinnere den Hunger, den Hunger und den Hunger."

Auch Olympia-Attentat entkommen

Auch das Andenken an die Olympischen Spiele in München pflegt er mit seiner Sammlung. Im September 1972 erlebte der Leichtathlet innerhalb weniger Tage erst den Wettbewerb im 50-Kilometer-Gehen, bei dem er als 19. ins Ziel lief, und dann die Ermordung von elf seiner Teamkollegen durch die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September". Shaul Ladany überstand das Attentat auch ohne psychische Folgen. Bis heute hält er den Weltrekord im Gehen über 50 Meilen: Sieben Stunden, 23 Minuten, 50 Sekunden.

Die Ausstellung dokumentiert auch seine Karriere als Sportler und Wissenschaftler. Ladany ist gemeinsam mit seiner Tochter Danit zu der Eröffnung gekommen. Sie wolle später einmal nicht alle seine Sammlungen übernehmen, sagt sie. Doch die Erinnerungsstücke an Bergen-Belsen werde sie bewahren. "Das ist ein Erbe des jüdischen Volkes und ein Erbe der Familie. Und es ist wichtig, das an die nächsten Generationen weiterzugeben."