Eine «Stadtschreiberin» auf dem Land

epd/Rolf K. Wegst Der Aufenthalt im Grünen soll Schriftsteller inspirieren: Ein Verein vergibt künftig zwei Mal im Jahr Stipendien im ehemaligen Künstlerhaus des Malers Otto Ubbelohde.

06.09.2019

Drei Monate lang arbeitet die Berliner Schriftstellerin Marion Poschmann mitten in der Natur: Sie hat ein Autoren-Stipendium des Vereins "Zwei Raben: Literatur in Oberhessen" bekommen. Poschmann zieht in eine Wohnung im verwinkelten Künstlerhaus des Malers Otto Ubbelohde in Goßfelden bei Marburg ein.

Einige Städte wie Mainz oder Bergen-Enkheim haben einen Stadtschreiber, ein meist mit einem Literaturpreis verbundenes Stipendium. Man habe das Prinzip des Stadtschreibers auf das Land übertragen, sagte die Vorsitzende des Vereins "Zwei Raben", Erika Schellenberger, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Ziel sei es, Literatur auf dem Land zu fördern. Poschmann, die vielfach ausgezeichnet wurde, wird die erste Stipendiatin. Sie erhält monatlich 2.500 Euro.

Aufenthalt im Grünen sensibilisiert für Umwelt

Poschmann findet die Idee des Landschreibers "großartig". Der Aufenthalt im Grünen könne eine Sensibilisierung schaffen "für das, was in der Umwelt vor sich geht", sagte die in Berlin lebende Autorin dem epd. "Die Naturschönheit ist etwas, was droht, verloren zu gehen, in der Landschaft ebenso wie in der Kunst." Sie versuche, in ihren Büchern gegenzusteuern.

In ihrem aktuellen Roman "Die Kieferninseln" spielt die Kiefer eine tragende Rolle. Im Ubbelohde-Haus werde sie sich vermutlich mehr mit Laubbäumen befassen, "ich habe mir schon sagen lassen, dass in der Gegend wunderbare Laubmischwälder wachsen".

Die Germanistin Schellenberger entwickelte das Konzept des "Landschreibers" im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, gemeinsam mit dem Schriftsteller Thomas Hettche. Poschmann soll in den drei Monaten von September bis November einen künstlerischen Beitrag leisten, der sich auch mit der Natur und ihrer Zerstörung beschäftigt: "Wir brauchen starke Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur, die das Thema künstlerisch angehen", sagt Schellenberger. "Wie können wir die Natur schützen? Die Kunst hat da etwas beizutragen."

Starker Bezug zur Natur

Natur spiele in Poschmanns bisherigem Werk eine große Rolle, begründet Schellenberger die Wahl der Schriftstellerin. Zum Beispiel in ihrem Gedichtband "Geliehene Landschaften". In dem Gedicht "Jülich - Grevenbroich - Erkelenz" beschreibt Poschmann den Braunkohleabbau mit den Worten: "Mondlandschaft verschlang uns die Sprache".

Das Haus des Malers Otto Ubbelohde liegt in der Lahnaue, etwas abseits des Dorfes Goßfelden. Der Ort hat einen Bahnhof und einen Laden, zwei "Autorenräder" wurden für die Stipendiaten angeschafft. Der in Marburg geborene Ubbelohde (1867-1922) erlangte Weltruhm, als er die 1909 erschienene Ausgabe der Grimmschen Märchen illustrierte. Zahlreiche Motive aus seiner oberhessischen Heimat, etwa Trachten, Gebäude und Landschaften, finden sich in den Illustrationen des Märchenbuchs wieder.

Seit den 90er Jahren kümmert sich eine Stiftung um das Anwesen Ubbelohdes, das Fachwerkhaus ist seit 1999 ein Museum. Marion Poschmann wird nicht die einzige Schriftstellerin bleiben, die in der frisch renovierten Künstlerwohnung arbeitet: Es läuft bereits die Ausschreibung für das nächste Autorenstipendium von April bis Juni 2020. Der Verein "Zwei Raben" - Ubbelohde zeichnete oft Raben, sie tauchen auch im Haus auf - und die Ubbelohde-Stiftung vergeben künftig jährlich zwei Stipendien. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst fördert das Projekt.