Harmonie in «Little Berlin»

epd-bild/Annette Zoepf 300 Kilometer sind es von hier nach Berlin, 300 Kilometer in entgegengesetzter Richtung nach München. Seit den 60er Jahren verlief eine Mauer mitten durch den Ort. "Little Berlin" nannten die dort stationierten US-Amerikaner deshalb Mödlareuth.

08.10.2019

Das Dörfchen Mödlareuth durchzieht ein kleiner, unscheinbarer Bach. Der nur wenige Zentimeter breite Wasserlauf wurde in der Zeit des Kalten Krieges zum unüberwindbaren Hindernis. Die Mauer am winzigen Tannbach riegelte den zur DDR gehörenden Nordwestteil und den zur Bundesrepublik zählenden Südostteil des Dörfchens Mödlareuth hermetisch voneinander ab. Die Grenze zwischen amerikanischem und sowjetischem Sektor, zwischen zwei Welten - Ost und West, Sozialismus und Kapitalismus, Demokratie und Diktatur - ging mitten durch diesen kleinen Ort mit nur wenigen Dutzend Einwohnern.

"Little Berlin" nannten die US-Amerikaner Mödlareuth deshalb - "Klein Berlin". Seit fast 30 Jahren sind die Soldaten verschwunden aus dem kleinen Dörfchen im heutigen Dreiländereck zwischen Bayern, Sachsen und Thüringen. Doch die 1966 fertiggestellte, 700 Meter lange Mauer ist geblieben, als Mahnmal und einzigartiges Anschauungsstück der Geschichte.

Austausch unmöglich

Die Trennung von Mödlareuth ist dabei weit älter als der Ost-West-Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg. Dem Ort zum Verhängnis wurde eine uralte Grenzlinie. Schon früher markierte das Flüsschen die preußisch-bayerische Verwaltungsgrenze. Im Jahre 1810 wurden entlang des Tannbaches neue Grenzsteine gesetzt, die das Königreich Bayern vom Fürstentum Reuß trennten. Neu in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war aber, dass nun eine Mauer beide Ortsteile voneinander abriegelte - Austausch unmöglich.

Jahrzehnte lang war die Verwaltungsgrenze zuvor fast ohne Bedeutung für die Anwohner geblieben: Schule und Wirtshaus lagen auf thüringischer, die Kirche auf bayerischer Seite. Das änderte sich nach Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 zusehends. Mit der Grenzordnung der DDR aus dem Mai 1952 wurden im ostdeutschen Hinterland der Grenze ein mehrere hundert Meter breiter Schutzstreifen und eine fünf Kilometer breite Sperrzone eingerichtet. Nächtliche Ausgangssperre und Versammlungsverbot lähmten das öffentliche Leben, vermeintlich "unzuverlässige" Personen wurden aus dem Grenzgebiet ausgesiedelt.

Die Anlagen sind geblieben, ihr Schrecken gewichen

Eine "Perfidität" nennt es der Landrat des bayerischen Landkreises Hof, Oliver Bär (CSU), eine Grenze durch ein Dorf zu bauen und damit auch familiäre Bande zu trennen. In einer Kommune mit wenigen Dutzend Einwohnern falle dies noch viel mehr auf als in der großen Stadt Berlin. Auch auf westdeutscher Seite sei die Grenzöffnung im Jahre 1989 daher einer "wahnsinnigen mentalen Erleichterung" gleichgekommen. Zu nah traute man sich in der Zeit des Kalten Krieges auch dort nicht an die Mauer heran, erinnert sich Bär an seine eigene Kindheit in der Region.

Auch Ingolf Hermann vom heutigen Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth kann sich gut an die Zeit der Teilung erinnern. Er stand damals als Grenzsoldat auf der Ostseite. Bis heute ist er dankbar dafür, dass er nie auf einen Menschen schießen musste. "Welchem System habe ich damals gedient", fragt sich Hermann heute mit Empörung.

Mehr als 14.000 Exponate weist die Sammlung des einzigartigen Freilichtmuseums aus, für das er arbeitet. "Das Dorf ist Museum und das Museum ist Dorf", sagt der Hofer Landrat Bär. Noch heute prägen die erhaltenen 700 Meter original erhaltene Betonmauer, weitere Grenzanlagen und Wachtürme das Dorfbild. Die Anlagen sind geblieben, ihr Schrecken gewichen. Entstanden ist aus privater Initiative heraus ein einzigartiges Museum.

Bratwurst, Sekt und Glühwein

Auf Westseite avancierte Mödlareuth schon zur Zeit des Kalten Krieges zur touristischen Attraktion: Selbst internationale Prominenz nahm das Kuriosum in Augenschein. Heute hofft das inzwischen entstandene Deutsch-Deutsche Museum mit jährlich mehreren Zehntausend Besuchern, das unter anderem einen riesigen originalen Fuhrpark mit DDR- und westdeutschen Polizei- und Armeefahrzeugen besitzt, auf ein neues Gebäude für die Präsentation.

Die Stimmung im Dorf sei 30 Jahre nach dem Fall der Mauer eine ganz andere als damals, sagt die Mödlareuther Ortsbürgermeisterin Romy Hammerschmidt. Die Einwohner feierten ihre Grenzöffnung am 9. Dezember 1989 mit Bratwurst, Sekt und Glühwein. Heute harmonierten beide Seiten gut miteinander, auch wenn der Ort wie ehedem zu zwei Bundesländern gehört, zwei Ortsvorwahlen, unterschiedliche Autokennzeichen und zwei Bürgermeister hat. Auch der Hofer Landrat Bär sagt: "Wir leben heute in besonderer Weise die Einheit."