Antanzen gegen das Aussterben

epd-bild/Christian Ditsch Hunderte Klimaschützer von "Extinction Rebellion" blockieren seit Montag in Berlin Straßen und Kreuzungen. Sie sind radikal und friedlich, trotzen unbeirrt Nässe und Kälte und wollen weitermachen, bis der Klimanotstand ausgerufen wird.

08.10.2019

An Tag zwei des "Aufstandes gegen das Aussterben" hängen schwere Regenwolken über Berlin. Auf der Kreuzung des Potsdamer Platzes trennen am Vormittag Polizisten mit schwerem Werkzeug Aktivisten der radikalen Klimabewegung "Extinction Rebellion" von mit Beton gefüllten Badewannen, an denen sie sich festgekettet haben. Ein Mann liegt in einem Schlafsack in einer hölzernen drei Meter hohen Bienenwabenkonstruktion und lässt stoisch das Werkeln der Polizisten über sich ergehen. "Festgeklebt", steht auf einem Zettel unter seiner Schlafstatt. Die Stimmung wirkt trotz des großen Polizeiaufgebotes friedlich und entspannt.

Zwei Frauen mit blauen Friedenstauben auf ihren Warnwesten beobachten die Szenerie. Eine Passantin kommt vorbei und verschenkt Tüten mit Brötchen. Seit Montagmorgen sind die Frauen für "Extinction Rebellion" am Potsdamer Platz im Einsatz mit einer kurzen Unterbrechung für ein paar Stunden Schlaf zu Hause, wie sie berichten. Um vier Uhr morgens sind sie zurückgekommen, um die rund 500 Demonstranten, die die Nacht über auf der Kreuzung ausgeharrt haben, weiter zu unterstützen.

Etwa 20 Demonstranten hatten sich angekettet

In der Nacht ließ die Polizei die Klimaktivisten noch gewähren, am Morgen beginnt sie dann mit der Räumung der zentralen Kreuzung an der Schnittstelle zwischen den Stadtteilen Mitte, Schöneberg und Tiergarten. Etwa 20 der Demonstranten hatten sich angekettet, es gibt vorübergehende Festnahmen und Platzverweise. Aber die Beamten verhielten sich im großen Ganzen korrekt, sagt eine Sprecherin der Bewegung. Gegen Mittag vermeldet die Polizei dann auf Twitter "es kann ab sofort wieder regulär verkehrt werden".

Wenige Kilometer nordwestlich am Großen Stern blockieren Hunderte Klimaschützer seit Montag die zweite große Berliner Kreuzung. Auf den fünf Zufahrtsstraßen zur Siegessäule sind Lager entstanden. Auf der Mittelinsel ist eine "Arche Rebella" angelandet, auf einem Transparent steht "Wir handeln aus Liebe". Die Menschen hocken und liegen auf dem nassen Asphalt unter großen Bauplanen, eingehüllt in goldene Rettungsfolien zum Wärmen. Es wird gegen die Nässe und Kälte angetanzt und angesungen. Die Jugend dominiert, es gibt aber auch vereinzelt Ältere. Später wird die Polizei auch dort räumen.

Geburt der Tochter gab den Ausschlag

Bei Stefan war es die Geburt der Tochter im August, die den letzten Ausschlag gegeben hat. "Dass man was tun muss, sage ich mir schon lange. Ich bin seit acht Jahren Vegetarier, fahre kein Auto, lebe nachhaltig", berichtet der 32-Jährige. Aber alles sei vorher eher noch "schwammig" gewesen. Jetzt sei sein Engagement konkret.

Seit Anfang des Jahres ist er bei "Extinction Rebellion" dabei, hat Aktionen mitvorbereitet, Deeskalationstrainings absolviert. Erreichen wollen sie mit den Blockaden, dass der Klimanotstand ausgerufen wird, dass heißt jedes Gesetz und Vorhaben wird künftig an seiner Klimaverträglichkeit gemessen, sagt er. Zudem soll eine "Bürger*innenversammlung" einberufen werden, um die Akzeptanz für effektive Klimaschutzmaßnahmen zu erhöhen. "So lange machen wir weiter mit vielen dezentralen Aktionen", kündigt er an.

Mischung aus Pfadfinder- und Festivalatmosphäre

Später setzt sich von der Siegessäule ein Trauerzug in Bewegung. Auf dem Sarg steht "mother earth" (Mutter Erde). Das Ziel ist das Klimacamp von "Extinction Rebellion" neben dem Bundeskanzleramt.

Dort herrscht eine Mischung aus Pfadfinder- und Festivalatmosphäre. Der Tagesplan verspricht Workshops, Yoga, Meditation, Konzerte, Kreativkurse. Am Infozelt wird um "Regenponcho- und Fahrradspenden" gebeten, es gibt eine Handyladestation. Am Rande reihen sich Komposttoiletten und improvisierte Waschtische auf.

Etwa 800 Zelte stehen hier, schätzt Marvin, der das Kreativ- und Upcyclingzelt betreut. "Wir zeigen, wie aus Müll Neues entstehen kann", sagt der 27-Jährige. Die meisten Campbewohner kämen aus Deutschland, es gebe aber auch ein "nordic camp" mit dänischen Klimaaktivisten. "Wir bleiben bis zum 14. Oktober", sagt Marvin.